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Haustier

Thiel öffnete die Haustüre und betrat seine dunkle, leere und kalte Wohnung.
Die Kälte, die er spürte, war aber eher subjektiver Natur. Mit der Heizung war soweit alles in Ordnung... Trotzdem kam ihm die Wohnung kalt und verlassen vor.
Wieder einmal kam ihm ein Gedanke, den ihn schon länger nicht mehr los lies. Nach einigem Suchen fand er seinen Mietvertrag in seiner „Pendenzen ganz unterste Priorität“ Schublade. Er überflog das Papier und stellte fest, dass sein Anliegen vertraglich nicht geregelt war, er würde also Boerne fragen müssen.
Schon länger wünschte er sich etwas mehr Leben und etwas weniger Einsamkeit in seiner Wohnung.

Mit diesen Gedanken und einigermassen frustriert setzte er sich mit einer Flasche Bier vor den Fernseher und legte die Füsse auf den Tisch.
Etwas 15 Minuten später, er war gerade dabei zu entscheiden, ob er sich noch ein Bier holen wollte, klingelte es an der Tür und keine 3 Sekunden später stand der Professor schon im Türrahmen.

„N’abend Boerne, wenn sie gleich nach dem Klingeln eintreten, können sie sich das Klingeln auch schenken“ knurrte Thiel zur Begrüssung in Richtung des Rechtsmediziners.
„Herr Thiel, auch ich wünsche ihnen einen schönen Abend! Ich wollte keine Zeit verschwenden und dachte, bis sie sich vom Sofa hochgekämpft haben, kann ich auch gleich selber die Tür öffnen. Ich habe im Fall von Timo Weiss noch eine interessante Entdeckung gemacht.....“

Damit begann K.F. Boerne einer seiner ebenso informativen wie gefürchteten Monologe. Die nächsten fünf Minuten erklärte er Thiel total euphorisch was es mit den Verletzungen des Toten auf sich hatte, was er ein paar Stunden vor seinem Tod gegessen hatte und das er wohl auch Drogen nicht gänzlich abgeneigt gewesen war. Im Weiteren erklärte er Thiel, wie er weiter ermitteln solle, ich welcher Gegend er sich umhören solle und hatte den Fall aus seiner Sicht schon so gut wie gelöst.

Thiel seufzte. SO viel Leben in seiner Wohnung war ihm nun doch etwas too much...!

„Danke Boerne, ich hoffe, sie sind nicht besonders traurig, wenn ich mich erst Morgen wieder um unseren Fall kümmere. Ich hätte aber noch eine private Frage: In unserem Mietvertrag ist Haltung von Haustieren gar nicht erwähnt. Heisst das nun, dass Haustiere erlaubt sind oder nicht?“

„Mein lieber Thiel, da die Haltung von Haustieren nicht erwähnt ist, ist sie auch nicht explizit verboten. Selbstverständlich müssen sie solche Anliegen zuerst mit ihrem Vermieter, sprich mit mir, absprechen. Einem zumutbaren Haustier steht grundsätzlich nichts im Wege, solange sie mir keine Dromedare, Alligatoren oder ähnliches anschleppen....!“

Thiel grinst über die geschäftigen Gesten seines Nachbars und Vermieters. Boerne liebt es einfach, wenn er einen Unwissenden belehren konnte und blühte sichtlich auf dabei.
„Ach ne, keine Angst, ich werde mir keine Exoten anschaffen. Wenn überhaupt, wird es sich um ein „zumutbares“, wie sie so schön sagten, Haustier handeln!“

„An was haben Sie denn gedacht?“

„Am Liebsten hätte ich eigentlich einen Hund.....“
„Aber Thiel, wenn ich mich da an ihre Begeisterung für Wotan erinnere....! Ich kann mir sie beim besten Willen nicht als Hundehalter vorstellen. Ausserdem habe sie definitiv zu wenig Zeit für einen Hund. Einen Hund muss man regelmässig ausführen, erziehen und beschäftigen! Nicht, dass ihnen etwas Bewegung schaden würde, aber denken sie an den Hund, der hätte ein trauriges Leben bei ihnen.“
„Wotan ist kein Hund, Wotan ist ein KALB! Aber ansonsten haben sie Recht, für einen Hund fehlt mir wirklich die Zeit.“

„Eine Katze? Katzen sind Einzelgänger, da hätten sie schon etwas gemeinsam.“
„Nööö, Katzen mag ich nicht. Ausserdem sind sie genau so ein Einzelgänger wie ich Herr Professor.“
„Sehr gut, denn eine Katze hätte ich ihnen verboten, ich habe eine Katzenhaar Allergie. Katzenhaare dringen durch jede Ritze. Wenn sie zum Beispiel in einem vierstöckigen Haus in der Wohnung im Erdgeschoss eine Katze halten, verspreche ich ihnen, dass sie auch noch im Dachgeschoss Katzenhaare finden werden...“
„Boerne, habe ich nicht gesagt, dass ich keine Katzen mag....?“
„Doch“
„Also, wieso erzählen sie mir den irgendwas über Katzenhaare, das mich nicht im Geringsten interessiert?“
„Thiel, Wissen ist Macht, sehen sie es als Beitrag an Ihre Allgemeinbildung....“
„Mhmmm...“

„Ihre Artikulationsfähigkeit ist wie immer bemerkenswert. Was halten sie von Papageien und Kanarienvögeln? Ich sage ihnen, schlagen sie sich sämtliches Federvieh aus dem Kopf! Diese Viecher sind die grössten Parasitenschleudern, die sie sich vorstellen können.“
„Boerne, wie reden sie über unseren gefiederten Freunde? Aber seinen Sie beruhigt, schräge Vögel habe ich den ganzen Tag um mich rum und auf eine private Milbenzucht habe ich auch keine Lust.“

„Das beruhigt mich wirklich sehr! Vielleicht wäre eine kleine Schlange etwas? Genügsam, ziemlich pflegeleicht und ungefähr so unterhaltsam wie sie an schlechten Tagen, Herr Thiel.“
Das Grinsen konnte sich Boerne bei dieser Bemerkung selber nicht verkneifen und darum fiel auch Thiels Kommentar nicht gehässigt, sondern nur sehr knapp aus:
„Ich dachte keine Exoten....“!

In den letzten paar Minuten war Thiel etwas anderes aufgefallen: er wollte gar nicht wirklich ein Haustier. Das war einfach nur eine schlechte Idee gewesen, die aus einem Gefühl der Einsamkeit entstanden war. Ganz klar ein schlechtes Motiv, ein Tier zu halten.

„Wissen Sie was Boerne, vergessen sie unser Gespräch einfach, mir ist gerade bewusst geworden, dass ich gar kein Haustier will.“
„Aber Thiel, woher den dieses plötzliche Umdenken.“
„Keine Ahnung wie ich auf die Idee kommen konnte, muss mich wohl da irgendwie verrannt haben. Keine Haustiere, definitiv!
In der Küche steht da eine Flasche Rotwein die ich geschenkt bekommen habe, können sie sich die bitte anschauen. Und wenn die ihren hohen Ansprüchen genügt, könnten sie auch noch gleich zwei Gläser mitbringen...“

Kopfschüttelnd und strammen Schrittes zog Boerne in Richtung Küche davon.
Thiel schmunzelte. Genau, beschäftigen und erziehen musste man Haustiere...
Er konnte Boerne ja kaum erzählen, dass er ihm Laufe ihres Gesprächs bemerkt hatte, dass er bereits so etwas wie das beste „Haustier“ der Welt hatte.

Keinesfalls genügsam, auch nicht pflegeleicht, sondern besserwisserisch, impulsiv und meist sehr anstrengend. Aber ziemlich selbständig, einigermassen stubenrein, nicht sonderlich bissig gegenüber Artgenossen und musste nicht Gassi geführt werden.
Ausserdem sehr unterhaltsam und das sicherste Mittel gegen sein Gefühl der Einsamkeit, dass ich manchmal überfiel.
Bei der Erziehung würde er einige Zugeständnisse machen müssen, da war nicht mehr viel zu retten. Aber für die Beschäftigung, für die sorgte er ja bereits seit Jahren. Bereits morgen würden Sie wieder gemeinsam böse Jungs jagen gehen.....
Bei diesem Gedanke stieg ein Bild von Kommissar Rex vor seinem inneren Auge auf und sein Grinsen wurde immer breiter.
Den Hundeblick hatte Boerne sogar auch schon drauf....
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