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Kochen mit Boerne

Boerne kochte. Oder um es treffender zu formulieren: Er zelebrierte den Akt der Manufaktur einer Mahlzeit…!
Thiel, der im Treppenhaus geradezu genötigt worden war, Boerne Gesellschaft zu leisten, sass am Küchentisch und genoss das Spektakel…
Denn Kochen mit Boerne war nicht einfach die Zubereitung eines Essens. Kochen mit Boerne hatte zweifelsohne Event-Charakter… Fehlende praktische Erfahrung versuchte er mit Leidenschaft, angelesenem Halbwissen und purer Genialität zu kompensieren.
Er schwadronierte über die Kunst den Zustand „medium rare“ beim Chateaubriand perfekt zu treffen, verwandelte zeitgleich die Küche in ein Schlachtfeld, weihte Thiel in die Geheimnisse der mondphasenberüchsichtigten Kartoffelernte ein und erklärte ihm die genaue Herkunft des Bio-Gemüses, dass in der sündhaften teuren, speziell schonenden Niedergarpfanne vor sich hin garte…..!

„Boerne, es reicht! Ich verhungere hier, während sie nur rumlabern. Wieso schmeissen sie das Schnitzel den nicht einfach in die Pfanne, wenn sie schon so genau wissen, wie man es machen soll!

Mit weit aufgerissenen Augen starrte Boerne seinen Nachbarn an. „Schnitzel? SCHNITZEL?? Ich bin schockiert!!! Thiel, hierbei handelt es sich um ein Chateaubriand, um das Doppellendensteak aus dem Herzen eines Rinderfilets. Das ist DAS Fleischgericht schlechthin. So etwas Gutes haben sie noch nie in ihrem Leben gegessen.“

Thiel zuckte mit den Schultern „Meinetwegen. Mir persönlich wäre Gulasch ebenso recht gewesen, es muss nicht so etwas Edles und Kompliziertes sein. Ich hab‘ Hunger!
Ausserdem mag ich keine Gerichte, deren Name ich nicht aussprechen kann.....!“

„Mein lieber Thiel. Wussten Sie eigentlich, dass das, was wir hier landläufig als ungarisches Nationalgericht bezeichnen, dem typischen Ungaren bestenfalls ein müdes Lächeln entlocken würde. Die Ungaren verwenden für ihr Gulyàs nämlich ausschliesslich……..“

„Boerne, Ruhe! Es interessiert mich überhaupt nicht, was der typische Ungare oder der typische Grieche oder meinetwegen auch der typische Boerne als Nationalgericht bezeichnet…! Ich werd‘ in der nächsten halben Stunde verhungern! Wenn das hier so weiter geht, dann wünsch‘ ich ihnen einen schönen Abend, geh‘ zu mir und bestell‘ mir eine Pizza. Der Pizzabote hat mir nämlich noch nie versucht zu erklären, wie glücklich seine Tomaten waren oder mit welcher Liebe der Kuh die Milch für den Mozzarella abgenommen wurde…..!“

„Oh Thiel, nur ein Banause wie sie wird jemals Mozzarella essen, der aus Kuhmilch hergestellt wurde. Also ein Feinschmecker wie ich, der lässt an seinen Gaumen nur Mozzarelle die Bufala Campana aus der Region Latium, der wird nämlich da seit Jahren von alten Italienerinnen nach Rezepten Ihrer Urahnen in Handarbeit……..“

Während dieser Belehrung in Sachen Käse war Thiel aufgestanden und dicht an Boerne herangetreten.
Zwischen zusammengepressten Lippen zischte er wütend hervor:
„Schluss, Aus, Ende!“
Und anschliessend etwas leiser, bedrohlicher und mit einem gefährlichen Funkeln in den Augen:
„Wenn ich jetzt nicht schlagartig etwas Essbares auf den Tisch kriege, dann fress‘ ich SIE auf, komplett mit Haut und Haaren!“

Ein etwas verwirrter Boerne benötigte 2 Sekunden Reaktionszeit, bis er mit breiten, schon fast fiesem Grinsen antworten konnte:
„Darauf lass ich es zu gerne ankommen, vernaschen wäre noch besser…….!“
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